Aktien kaufen wie Oma und Opa: Nur Langweiler ins Depot


New York, 6. Juli 2012

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Am meisten Geld können Sie an der Börse verdienen, wenn Sie auf Hausmannskost setzen. Mit stinknormalen Firmen, die uns alltägliche Produkte liefern. Putzmittel, Kaugummis, Gewürze, Zahnpasta, Holzplatten, Lebensmittel. Viele Hobbybörsianer wollen das nicht begreifen.
Die meisten rennen aufgescheucht wie ein Huhn durch die Börsenstall auf der Suche nach der nächsten Apple, Google oder Microsoft. Sie suchen sich heiße Themen wie Facebook oder Nokia aus, doch diese Trendgeschichten rechnen sich auf Dauer nicht, weil sie zu teuer und zu wechselhaft sind. Ein Hamburgerladen, Pizzabäcker oder Nudelhersteller liefert dagegen tagtäglich seine Produkte aus. Mag kommen, was will. Ob Rezessionen oder Kriege, ob Katastrophen oder Krisen – das Zeug geht einfach raus zum Verbraucher. Bei einem Technologiekonzern kann sich dagegen der Trend schnell ändern. Dann ist Schicht im Schacht.
Als Anleger muss man begreifen, dass die langweiligsten Dinger im Endeffekt die besten sind. Es geht nur darum, diese Langweiler zu finden, die um 13 oder 15 Prozent pro Jahr klettern. Obendrein soll eine hübsche Dividende von vier oder fünf Prozent sprudeln. Mehr brauchen Sie gar nicht. 15 oder 20 Prozent Gesamtperformance pro Jahr ist alles, was wichtig ist. Über die Jahre hinweg entwickelt sich aus diesem Mix eine unglaubliche Hebelkraft, die Sie vom Hocker hauen wird.
So spurtete der Malboro-Anbieter Altria Group um knapp 20 Prozent nach oben. Jahr für Jahr. Seit 50 Jahren. Mit stinknormalen Kippen! Schauen Sie sich diesen tollen Langfrist-Chart des Tabak-Ladens an. Wenn Sie ab und an einen scharfen Schnitt nach unten im Chart sehen, war das vermutlich ein Spin-off, eine Abspaltung einer Tochter, die Sie zusätzlich in Ihr Depot gebucht bekamen. Man müsste diesen Altria-Chart im Endeffekt um die „geschenkten Töchter“ bereinigen. Dann sähe die Kurve noch phänomenaler aus. Im März 2007 ging beispielsweise die Lebensmittel-Tochter Kraft Foods zum Gutteil an die eigenen Altria-Anteilseigner. 2008 stellten die Amerikaner ihr internationales Geschäft unter dem Dach „Philip Morris International“ auf eigene Beine: Das sehen Sie im Chart an der scharfen Kurskorrektur. Wie gesagt, dank des Aktien-Geschenks ist das ja in Wahrheit keine Korrektur.
Hätten Sie im Jahr 1995 Altria gekauft und bis heute gehalten („nur“ 17 Jahre), wären Sie um 1.300 Prozent reicher. Gut möglich, dass die Nikotin-Sucht dem Kurs ein wenig geholfen hat. Das ist ja mit der Cola, den Burgern, Kaffee und so weiter ähnlich.
Wenn Sie sich auf dem Börsenparkett umsehen, finden Sie viele Firmen mit einer ähnlichen Performance. Mustergültig ist der Hersteller von Zahncreme und Waschmitteln Church & Dwight. Der Kurs marschierte um das 14- oder 15-fache nach oben. Solche simplen Firmen wie Church & Dwight empfehle ich am liebsten. Da weiß man, was man hat. Da kann kaum etwas anbrennen.
Ähnlich ist das bei Johnson & Johnson, P&G, McDonalds, Colgate-Palmolive, dem Gewürzhersteller McCormick, ConocoPhillips, Coca-Cola, Walt Disney oder dem Putzmittelgiganten Clorox. Diese Titel haben seit dem Jahr 1995 um einige 100 Prozent zugelegt. Ein paar stehen heute sogar 500 oder 600 Prozent höher. Über diese Allzweck-Waffen im Depot schrieb ich etwa hier. Zugegeben, meine Idee mit dem Supermarkt SuperValue hat sich leider nicht „so super“ seither entwickelt. Ein Fehlgriff gehört leider auch zum Börsengeschäft.
Denken Sie an Dauerläufer wie Wal-Mart, Starbucks oder die Öko-Supermarktkette Whole Foods. Diese Aktien sind einfach nicht zu stoppen. Was mich immer wieder erstaunt, sind solche stahllastigen Firmen wie die Eisenbahnlinie CSX. Wer hätte eine solche enorme Performance von einem so klotzigen Eisenbahner erwartet? Kaum jemand! Wenn Sie das „Konzept der Langweiligkeit“ begreifen, verstehen Sie Börsenstar Warren Buffett.
Ich habe als Finanzjournalist in New York den Vorteil (oder Nachteil), den Profis über die Schulter schauen zu können. Am liebsten treffe ich natürlich die Value-Strategen.
Gut kann ich mich an die Begegnung mit den Value-Brüdern Browne in New York erinnern. Das sind zwei wahre Meister ihres Fachs. Oben sehen Sie mein Foto von den beiden. Ihr Vater hatte für Warren Buffett in den 50er Jahren still und heimlich die abgestürzte Textilfirma Berkshire Hathaway aufgekauft, die der spätere Börsenmantel für Buffetts Beteiligungsfirma wurde.
Von Mark Boyar habe ich viel gelernt. Mit dem Fondsmanager diskutierte ich stundenlang in seinem Büro über das Value Investing und die nächsten Übernahmekandidaten – sein Spezialgebiet. Aus solchen Gesprächen kann ich Honig saugen.
Beeindruckt hat mich auch das Gespräch mit Fondsmanager James Glickenhaus. Solche alte Hasen sind Vollprofis, die lassen sich nicht durch Wunschträume von Vorständen beeindrucken wie wir Kleinanleger.
Ein weiterer, der mir einfällt, ist Hedgefondsmanager Jeff Matthews, den ich auf der Hauptversammlung von Berkshire Hathaway kennengelernt habe. Morningstar-Analyst Pat Dorsey traf ich auch in Omaha.
Eines muss ich zugeben: Ich mache selbst gewaltige Fehler. Trotz solcher Gespräche lerne ich nie aus. Ich habe schon Tech-Titel gekauft und das bitter bereut. Besser zu sein als die Horde, ist verdammt schwierig.
Dabei ticken die Privataktionäre ganz einfach. Es ist immer das gleiche Strickmuster: Sie lieben Aufreger. Nokia, AOL, Research in Motion (den Blackberry-Hersteller), Netflix, Facebook, LinkedIn und so weiter. Auch lieben sie abstürzte Dinger wie Commerzbank, Q-Cells, Praktiker, SolarWorld, Conergy. Bei den Pennystocks ist oft Hopfen und Malz verloren. Das ist brandgefährlich. Wie oft glückt ein Turnaround? Wer auf das falsche Pferd setzt, oje. Schnell ist alles weg! Es ist eine Phantasiewelt, in die sich die Privatanleger begeben. Immer in der falschen Hoffnung, schnell ein paar Tausend Prozent zu machen. Bleiben wir lieber bei den 13 Prozent Kurszuwachs plus 5 Prozent Dividende.
Conclusio: Man muss an der Börse sein Temperament zügeln. Phantasiewelten sind Gift. Für schöne Gewinne müssen Sie denken wie Opa und Oma. In mein Depot kommt nur Hausmannskost, die günstig bewertet ist.
PS: Ich glaube, die Commerzbank wird es trotz Megakrise schaffen. Die Risiken sind natürlich gewaltig.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Aktien kaufen wie Oma und Opa: Nur Langweiler ins Depot

  1. Matthias

    Sehr schöner Beitrag, wie immer auf den Punkt!

    Ich setze mittlerweile auch nur auf große, solide Unternehmen. Ich weiß nicht, warum viele Privatanleger dem letzten Schrei hinterherlaufen… Weil sie sich vor Bekannten wichtig tun wollen? Weil sie sonst im Leben wenig Spannung haben und den Kick suchen? Weil sie gierig sind? Wahrscheinlich von allem ein wenig…

    Turnaround-Kandidaten sind wirklich schwierig. Hier sollte man noch mehr als bei „normalen Investments“ ein Kenner und Insider der Branche und des Unternehmensumfelds sein, am besten selber in der Branche arbeiten und als Experte realistische Einschätzungen treffen können. Doch selbst dann hängt vieles immernoch von Glück ab.

    Viele Grüße,
    Matthias

  2. Ulrich

    Also denke bei vielen ist es eben ein Zusammenspiel aus Gier und von was für Aktien man überhaupt erfährt.

    Für viele Menschen ist zum Beispiel Coca Cola ein nichtssagendes Investment. Drinkt doch jeder… was soll da passieren… Das ist von gestern…

    Durch offensive Medienberichterstattung für irgendwelche Trendaktien wittert man dann schnell das große Geld.

    Börse ist für viele Lotterie. Obwohl es natürlich auch hier schlauer wäre, statt jede Woche Lotto zu spielen dieses Geld anzulegen…

  3. Turing

    Ich setze zuvörderst auch auf Value-Werte wie RWE und K+S. Totale Langweiler sind das. K+S ist noch langweiliger als RWE.

    Aber: Ich habe jetzt auch Nokia und Commerzbank gekauft. Ich bin überzeugt, dass es beide Unternehmen schaffen. Die Gründe:

    1. Die Bundesrepublik hält viele Aktien der Commerzbank und wird immer Auge haben, was der Commerzbank schadet oder nicht. Außerdem hat die Finanzwirtschaft generell ein Problem. Den konkurrierenden Banken geht's doch kaum besser.

    2. Ich habe Nokia gekauft, weil die mehrere 1000 Patente haben. Nokia hat enorm in die Forschung investiert. Natürlich hat Nokia bei den Smartphones verpennt, aber nicht alle Leute kaufen ein Smartphone. Ein normales Handy ist langweilig wie Kalisalz und Zahnpasta und bringt Rendite. Wird das neue Nokia Lumia mit Windows 8 ein kommerzieller Erfolg, dann steht Nokia wieder dicke da. Außerdem partizipiert Nokia auch am Erfolg von Apple, die Jahr für Jahr Gebühren für Patente zahlen. Sollte die Weltwirtschaft abschmieren, dann werden die Menschen eher zum normalen Handy greifen als zum Smartphone. Ich halte die Nokia-Aktie für völlig unterbewertet.

    Außerdem habe nicht so viel in diese Werte investiert.

  4. tim schaefertim schaefer

    @ Matthias

    Nun gut fährt man auch mit Mittelständlern. Firmen mit einem Börsenwert grob zwischen 1 und 5 Milliarden.

    Ich gehe in meinen Beiträgen gerne auf die ganz großen Schlachtschiffe wie Coca-Cola oder Exxon ein, weil die jeder kennt.

    Bei den kleinen Firmen kann man als Anleger auch eine phänomenale Performance von 15 bis 20% p.a. auf Jahrzehnte hinaus erzielen. Bei Mittelständlern ist es wichtig ebenfalls auf Hausmannskost zu setzen. Hotelbetreiber, Rüstungsfirmen (wer das mag), Holzverarbeiter, Chemiehersteller etc. Wichtig ist auf die langfristige Umsatz-, Ergebnis-, Cash-Flow-Entwicklung zu achten und auf schöne Dividenden.

    @Ulrich: Stimmt, es ist die Gier und das Herdenverhalten. Die Menschen reagieren wie eine Herde. Sie rennen wie verrückt in eine Richtung. Da sagt ein Trendsetter im Fernsehen die Tech-Aktie xy ist super und alle rennen im Anschluss hinein in diesen Wert. Dabei ist die Akie xy schon völlig überteuert, das KGV ein Irrsinn. Aber die Meute sieht die Gefahren nicht. Vor allem Technologien und neues Zeug begeistert die Masse. Möbelhändler, Lebensmittel-Anbieter, Kosmetikhersteller, Hotelbetriebe etc. findet die Meute dagegen langweilig. Aber hier spielt die Musik.

    @ Turing: Danke für die guten Ideen. K+S: Klar, Dünger brauchen wir. Die Masse blendet aus, wie das Essen eigentlich tagtäglich auf dem Feld produziert wird. Und denken wir an das Bevölkerungswachstum. RWE ist auf dem ausgebombten Niveau sicherlich eine Überlegung wert.

    Nokia erlebt einen dramatischen Technologiewandel und muss den Anschluss schaffen. Die Aktie ist brutal abgestürzt. Vielleicht interessant auf dem Niveau. Ähnlich Commerzbank. Interessant an beiden Papieren ist: Du schwimmst gegen die Strömung. Du handelst konträr zu den Milliardenflüssen.

    Warren Buffett denkt so: „Bei Technologien wandeln sich die Trends so schnell. Wenn ich dagegen eine Forstwirtschaft, Hotelkette oder einen Getränkehersteller kaufe, weiss ich, in 50 oder 100 Jahren brauchen wir Holz, Hotels und werden wir trinken. Ob wir aber ein Nokia-Handy brauchen, das weiss ich nicht.“

    Danke an alle. Ich bin jedes Mal aufs Neue über die extrem hohe Qualität der Kommentare überrascht.
    Best,
    Tim

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