Achtung: Wenn Professoren in die Glaskugel schauen


New York, 7. April 2013

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Wir Privatanleger haben gewaltige Probleme. Wir haben Ängste, Sorgen, Träume. Ständig möchten wir in die Zukunft blicken. Dabei ist das nicht möglich. Ich las in Paris die Zeitung „International Herald Tribune“, das ist ein Tochterblatt der „New York Times“. In einem Beitrag ging es mal wieder darum, wie der Aktienmarkt künftig abschneiden wird. Ständig wird fabuliert, wie 2013 und 2014 wohl die Kurse laufen dürften. Jeder gibt seinen Senf dazu. Nur weiss niemand nichts.
Ich finde es echt abenteuerlich, zu welchen Aussagen sich manche „Experten“ hinreissen lassen. Wie kommen die alle dazu?
Ich schätze eigentlich Jeremy Siegel. Der Professor ist ein Anhänger solider Dividendentitel. Er ist durch und durch ein Optimist. Das ist auch gut so.
Was ich allerdings nicht gut finde, ist sein Blick in die Glaskugel. Die Börse ist kurzfristig, auf Sicht von ein oder zwei Jahren, unberechenbar. Wer Aktien kauft, sollte das wissen. Sofort nach Ihrem Einstieg können die Kurse um 20 Prozent (oder gar 50 Prozent im Extremfall) einbrechen. So ist das nun mal. Woher Siegel dann all seinen Optimismus nimmt?
Langfristig läuft die Börse nach oben – begleitet von Einbrüchen. Insofern zahlt es sich aus, optimistisch nach vorne zu blicken. Aber wo Siegel diesen kurzfristigen Optimismus her nimmt, das ist mir ein Rätsel. Wie gesagt, jederzeit können die Kurse einbrechen. Bricht irgendwo eine neue Krise oder ein Krieg aus, können die Kurse absacken.
Schauen Sie mal hier, wie positiv Jeremy Siegel im Sommer 2007 war, kurz bevor die Kurse ins Bodenlose stürzten.
Trotz seiner damaligen groben Fehlleistung lehnt sich der Wharton-Professor wieder weit aus dem Fenster. Siegel proklamiert jetzt, der Dow-Jones-Index werde bis Ende des Jahres 2014 auf 18.000 Punkte klettern. Mensch, dieser Prof weiss einfach alles.
Vergessen Sie all das exakte Timing. Selbst renommierte Experten wie Siegel haben keinen blassen Schimmer, was kurzfristig alles passieren kann. Vieles passiert eben völlig überraschend. Blasen kommen und gehen. Krisen kommen und gehen. Genauso kann der Dow Jones Ende 2014 bei 12.000, 13.000 oder 19.000 Punkten stehen.
Am besten schneidet meiner Meinung nach ab, wer sich von all der Hektik und den Prognosen nicht beeindrucken lässt. Machen Sie Ihr Depot wetterfest. Halten Sie es durch gute wie schlechte Zeiten.
Wetterfest machen Sie Ihr Depot, indem Sie solide Dividendentitel auswählen, die aus verschiedenen Sektoren und Ländern stammen. Streuen Sie die Risiken. Setzen Sie neben Aktien auch auf andere Assetklassen (Rohstoffe, Edelmetalle, Immobilien, Kunst…). Behalten Sie stets ein wenig Cash in Reserve, um während einer Korrekturphase billig nachkaufen zu können.
Fazit: Machen Sie sich mal den Spass und schauen nach, was manch ein Experte vor fünf Jahren alles hinaus posaunte. Es wird viel Quatsch erzählt. Unglaublich. Ich glaube, die Wettervorhersagen im Fersehen treten eher ein als solche Kursziele.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Achtung: Wenn Professoren in die Glaskugel schauen

  1. Markus

    Dr. Titel, Profs, Buffett`s usw…
    Kein Mensch der Welt kann in die Zukunft sehen! Das prognostizieren von Unternehmensgewinnen bei der Value Analyse… 😉 Die meisten Chef`s von Firmen wissen nicht, welchen Gewinn oder Umsatz sie im nächsten Jahr genau machen werden. Da sind zum Teil große Schwankungen in den Planungen.

  2. Sebastian

    Im Grunde genommen SPEKULIERT auch ein Käufer von Aktienindizes darauf, besser abzuschneiden, als bei einem Investment in zehn Qualitätsaktien und PROGNOSTIZIERT für die ZUKUNFT eine höhere Rendite als bei einem Kauf von Gold, Immobilien oder Tagesgeld. Warum sollte er sich sonst so entscheiden?

    Im Übrigen ist auch der hier oft erwähnte Warren Buffett ein Spekulant.
    Wie bitte? Ja richtig, er spekuliert darauf, dass der Kauf von Heinz in Zukunft mehr Rendite erbringt, als der Kauf von Aktie XY. Wissen kann er es nicht!

    Auch die zukünftige Ertragslage von Coca-Cola wurde von ihm – in einer Bandbreite – „prognostiziert“, um sie mit anderen Anlagemöglichkeiten zu vergleichen.
    Eine exakte Prognose des KURSES gibt er allerdings nicht ab.

    So ist dann auch die Value Analyse keine Wissenschaft – und wer das meint, hat es nicht ganz verstanden -, sondern eher eine Kunst, geht es doch um das Abwägen von Wahrscheinlichkeiten und das Ermitteln von Bandbreiten und nicht um das exakte Prognostizieren von Kursständen.

    Streng genommen ist jede Art von Investition eine Spekulation. Man muß immer im Ungefähren bleiben und bildet sich über zukünftige Entwicklungen eine Meinung. Wissen kann man es nicht!

    Ich würde differenzieren, ob irgendjemand – und sei er noch so angesehen – für bestimmte Aktien, Indizes, Rohstoffpreise, Inflationsraten oder das Wirtschaftswachstum in ein oder zwei Jahren exakte Werte oder Richtungen „vorhersagt“ (einfach weghören) oder ob man „prognostiziert“, dass die intelligente Auswahl von ertragsstarken Unternehmen in zwanzig Jahren mehr Vermögen erbringt als das Sparbuch.

    Abschließend wage ich eine Prognose: Auf die kommende dunkle Nacht, folgt ein heller Tag ;). Mal sehen, ob mir der schwarze Schwan (mit einer 16-stündigen Sonnenfinsternis) in die Quere kommt :)….

  3. Markus

    @Sebastian

    Ich habe Schmidlin mit Unternehmensanalyse gelesen. Ich weiß, es ist für einen Value Investor nicht möglich einen exakten Kurs vorherzusagen. Wenn jemand gut ist, dann Bandbreiten!
    Bei meiner Firma muss ich sagen, dass ich in einem normalen Jahr auch nur ungefähr die Umsätze und Gewinne schätzen könnte. Sonderbelastungen kann man nicht schätzen. Eine Analyse steht und fällt aber mit Schätzungen. Laut Starcapital ist bei einer Abweichung von 5 % schon nicht mehr möglich eine vernünftige Value-Analyse zu tätigen… Steht irgendwo auf der Homepage.
    Ich kenne persönlich nur wenige private, deutschsprachige Value Investoren. Die meisten haben nur Daten von 1 – 4 Jahren. Wenn jemand gut ist, dann kann er Sondersituationen ausnutzen… Dafür muss man aber einen sehr guten Überblick über einen riesen Konzern haben…

  4. Ulrich

    Die Medien sind nun mal geil auf Schlagzeilen wie „Dax bald bei 10.000“ oder „Dow bald bei 17.000“.

    Wer solche gewagten Prognosen abliefert, kommt aufs Titelblatt. Wer ein ehrliches „keine Ahnung“ sagt, geht unter.

    Und dann sind da die Nutzer der Börsen-Blätter, die bei optimistischen Schlagzeilen das Heft kaufen und bei schlechten oder neutralen das Heft liegen lassen. Ähnlich ist es online und im TV. Den Machern ist also gar nicht zu verdenken, dass sie solche Schlagzeilen suchen.

    So funktioniert das leider.

  5. willihope

    scheint so als würde die plaudertasche mit seinen büchern und vorträgen mehr verdienen als mit seinen anlagen.

    also kann man sich ja selber ein urteil über „mr. dax“ bilden. 🙂

    in der finanzwelt gibt es einfach zuviel heisse luft und zuwenig fakten, darum ist die branche auch mit schaumschlägern vollgestopft.

    wenn ich den im fernsehen sehe dann kommt mir das essen rauf, ein blindgänger mit bezahlter sendezeit. 🙁

  6. lilapferd

    Antiindikator ist das Zauberwort. Nach meiner Meinung dienen solche Aussagen von irgendwelchen Profs sehr gut als Antiindikator und es wird erst mal Abwärts gehen 🙂

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