Abgestürzte Aktien haben weniger Risiken als aufgeblasene Kurse


New York, 20. Dezember 2010

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Links sehen Sie den hundsmiserablen Kursverlauf von Pfleiderer. Der Kurs ist auf 2,42 Euro abgestürzt. Der Holzwerkstoffhersteller leidet unter einer erdrückenden Schuldenlast, sinkenden Umsätzen und tiefroten Zahlen. Börsianer fragen sich besorgt, ob der Traditionskonzern die Wende schaffen kann. Auf der rechten Seite sehen Sie den Apple-Chart. Der Kurs erklimmt ein Hoch nach dem nächsten. Der Kurs scheint nur eine Richtung zu kennen: nämlich nach oben. Die Horde rennt immer einem Leitwolf hinterher und ist begeistert. Egal wohin es geht: Rauf oder runter. Wir nehmen gerne solche Kursmuster (Apple, Pfleiderer) zum Anlass, um die Trends gedanklich fortzusetzen. Ist das so einfach? Können wir die Linien einfach weiter ziehen? Ich bin der Meinung, dass das Risiko eines Kursrückschlags umso höher ansteigt, je teurer der Titel wird. Sinkt dagegen der Kurs massiv, sinkt das Kursrisiko. Freilich stellt sich im Falle Pfleiderer die Masse wohl zu Recht kritische Fragen. Die Lage ist nicht einfach für den Holzvermarkter.
Die Momentum-Strategie funktioniert durchaus, wenn Sie frühzeitig den Trend erkennen und auf den Zug springen. Wer jedoch zu spät zur Party erscheint, der kann leer ausgehen. Denn die Erwartungen bei Erfolgsfirmen wie Apple sind enorm. Schafft es ein Wunder-Unternehmen auf einmal nicht mehr, die hohen Erwartungen zu erfüllen, kann ein Kursrückschlag brutal ausfallen. Bei Apple sieht es derzeit nicht so aus, als ob ein Trendwechsel einsetzen könnte, dennoch ist nichts ausgeschlossen. Nehmen wir an, dass der Markt bei Pfleiderer mit der großen Skepsis Recht hat, so bestehen aber immerhin noch Restchancen auf eine Sanierung. Gelingt dem Vorstand die Rückkehr in die Gewinnzone, so dürfte sich das im Kurs mit satten Aufschlägen niederschlagen. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass die mittel- und langfristigen Chancen bei ausgebombten Kursen besser sind als bei Titeln, die von einem Spitzenpreis zum nächsten jagen. Denn ändert sich der Trend, folgt eine unglaubliche Dynamik in die Gegenrichtung. Ist es ein Zufall, dass die Hedgefonds mit einem Fokus auf sogenannte „Distressed Situations“ häufig die Performancelisten anführen? Wohl kaum. Mit tief gefallenen Aktien hat schon die Investmentfondslegende John Templeton den Grundstein für seinen Erfolg gelegt. Warum wohl? Die Masse übertreibt gerne bei Krisenfällen nach unten und stürmt aus diesen Aktien – ohne darüber nachzudenken, welche Restchancen die Krisenfirmen eigentlich noch haben. Im Gegenzug wird bei „Modeaktien“ wie Google oder Apple gerne in die Gegenrichtung übertrieben.
Bei märchenhaften Kursrallyes ist grundsätzlich Vorsicht geboten. Nicht zuletzt können Kurse manipuliert werden. So habend die Hunt-Brüder in den 1970er den Silberpreis mit miesen Methoden in die Höhe getrieben. Wenn heute Hedgefondslegenden wie George Soros oder John Paulson bei einer mittelgroßen Firma einsteigen, dann hieven sie den Kurs nach oben. Nicht zuletzt heizen die Nachläufer der Gurus die Titel weiter an. Ich bin der Meinung, dass bestimmte Rohstoffmärkte noch immer für Investoren mit tiefen Taschen manipuliert werden können. Die Hunt-Brüder sind immer noch gegenwärtig. Nur heißen sie jetzt anders.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Abgestürzte Aktien haben weniger Risiken als aufgeblasene Kurse

  1. Günther

    Ihrem Artikel über Pfleiderer und Apple habe ich nichts mehr hinzuzufügen.

    Von den Büchern über Value Investing habe ich einige gelesen und sind sehr gut . Würde eins unbedingt noch hinzufügen :
    ,,Geheimnisse der Wertpapieranalyse „von Benjamin Graham und David Dodd .
    Ihnen und auch Anderen die die Möglichkeit haben mit Vorstände und ähnliche Leute oder Fondsmanager zu sprechen , wäre :,,Common Stocks and Uncommon Profits and Other Writings´´ von Philip A. Fisher (Autor), Ken Fisher (Autor). Ken (Sohn von Philip) dürfte bekannt sein : http://www.fi.com

  2. Günther

    Die neue ausgabe von ,,Geheimnisse der Wertpapieranalyse„ heißt nur ,Wertpapieranalyse ´´ enl.,,Security Analysis´´ und man sollte die Englische Fassung besser nehmen wegen den vielen möglichen Interpretationen bei der Übersetzung.

  3. tim schaefertim schaefer

    Danke Günther, ich schaue mir Ihren Buchtipp gleich mal an. Klingt spannend. Ihnen frohe Weihnachten und alles Gute für das Neue Jahr. Mich freut, dass Sie sich hier immer wieder mit guten Ideen zu Wort melden. Beste Grüße aus NYC

  4. tim schaefertim schaefer

    Meine beiden Aktien oben im Text waren leider nicht gerade gut gewählt. Pfleiderer stürzt immer tiefer… Ich wollte mit zwei krassen Beispielen nur zum Ausdruck bringen, dass Aktien, die im Keller notieren, grundsätzlich mehr Kurssteigerungspotential haben als solche, die schon um eltiche 1.000 Prozent gelaufen sind. In diesem Zusammenhang hätte ich Pfleiderer nicht wählen dürfen. Die Risiken eines Konkurses sind enorm…

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