Ab in den Keller – zu den Eltern


New York, 4. September 2012

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Ich war auf einer Analystenkonferenz und wunderte mich, weil so viele Banker über Menschen witzelten, die zurück in den Keller des Elternhauses ziehen müssen. Den ganzen Tag lang amüsierten sich die Analysten über den Trend zurück zur Großfamilie.
In der Tat hat die schwere Finanzkrise mit der anschließenden Rezession viele Jobs, Einkommen und beträchtliches Vermögen vernichtet. S&P-Chefvolkswirtin Beth Ann Bovino sagte mir in einem Interview für das WirtschaftsBlatt, dass 39 Prozent des Nettovermögens der Amerikaner vernichtet worden sind. Das Geld ist einfach weg. Futsch. In drei Jahren Krise ist der Vermögensaufbau von 20 Jahren ausradiert worden.
Der Traum vieler Amerikaner von der Million auf dem Konto, dem Haus mit Garten und Pool sowie dem Traumjob hat Risse bekommen. Die Amis verdienen weniger. Sie müssen länger arbeiten, bevor sie in den Ruhestand können. Sie müssen mehr Stunden arbeiten, Nebenjobs annehmen, auf Urlaube verzichten, neue Anschaffungen aufschieben und notgedrungen zurück ins Elternhaus ziehen. Mein Foto von einem nordamerikanischen Einfamilienhaus in einem maroden Zustand spricht Bände.
Die Zeitungen sind voll von solchen Familien-Storys.
Vor zwei Jahren zog Jennifer Conlin mit Gatten Daniel Rivkin (beide über 50 Jahre alt) zurück ins Elternhaus nach Michigan. Sie nahmen ihre drei Kinder plus Hund mit. Alle leben nun unter einem Dach. Drei Generationen. In einem ausführlich Artikel beschreibt Jennifer Conlin das Erlebnis. Sie erzählt witzig, hebt vor allem die Vorzüge der Großfamilie hervor.
In New York finden Sie mehr solcher Geschichten. Denn der Wohnraum ist in dieser Metropole einfach sauteuer. Amüsant zu lesen ist dieser Artikel über die Wohngemeinschaft von vier Männern (alle Ende 30 Jahre alt), die seit 18 Jahren zusammenleben und einfach nicht auseinanderziehen wollen, obwohl sie Freundinnen haben. Anfangs ging es nur darum, die Miete zu teilen. Mittlerweile ist offenbar eine tiefe Freundschaft herangereift.
Diese beiden Studienfreunde zogen in eine Ein-Zimmer-Wohnung, fügten eine Trennwand ein, leben nun separiert zusammen, teilen sich die 3.660 Dollar Monatsmiete.
Spannend finde ich diese Story über New Yorker, die sich in ihren kleinen Wohnung selbstständig machen und beginnen, Kleidung zu verkaufen oder Lebensmittel für Kunden zuzubereiten. Es klappt vieles, wenn man will.
Angesichts einer Arbeitslosenquote von 8,3 Prozent müssen sie eben alle zusammenrücken. Und improvisieren.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „Ab in den Keller – zu den Eltern

  1. Matthäus Piksa

    Hallo Tim,

    zu den Aussagen deiner Interview-Partnerin, die Unternehmen, Privatpersonen und die Regierung befänden sich in einer Phase der Entschuldung las ich vor einiger Zeit ein Interview mit einem japanischen Ökonomie-Experten, demzufolge eine Entschuldungsphase in allen Sektoren zu einer Bilanzrezession führen würde und daher immer der Staat einspringen müsse, mit neuen Stimulusprogrammen.

    Immer wenn Japan sich in den letzten 20 Jahren darauf verlassen habe, dass nunmehr ein selbsttragender Aufschwung einsetze, kam es doch anders. Er plädierte daher, lieber zu viel Geld einzusetzen und die Staatsverschuldung notfalls noch weiter ansteigen zu lassen.

    Hier das Interview.

    Gruß Matthäus

  2. tim schaefertim schaefer

    @ Matthäus

    Danke für das spannende Interview.

    Es ist wohl ein Mittelweg nötig: Ein radikaler Sparkurs (wegen der Staatsschulden) wäre wohl gefährlich. Gleichwohl muss mittelfristig gespart werden, um die Staatsschulden auf ein vernünftiges Niveau zu bringen.

    Würgt der Staat mit zu vielen Einsparungen die Wirtschaft ab, sinken seine Steuereinnahmen. Die Folge: Die Krise verschärft sich weiter. Der Staat kann also eine Abwärtsspirale auslösen.

    Das richtige Rezept zu finden, ist verdammt schwer. Steuererhöhung werden wohl auch auf uns alle zukommen. Denn wie sollen sonst die Schulden sinken?

  3. Frank

    @matthäus,
    ich arbeite seit zwanzig Jahren nur noch Teilzeit, weil bei mehr Verdienst sofort die kalte Progression zuschlägt.Außerdem verringert man so die Zwangsabschläge für die Sozialversicherung.
    Wenn Geld übrig ist lege ich es in Aktien an, auf Konsum kann ich gut verzichten.
    Würde ich länger arbeiten würde sich mein Verdienst pro Stunde wegen der kalten Progression deutlich verringern.Da ist mir freie Zeit lieber.
    Frank

  4. Robert Michel

    @Matthäus Piksa: In Japan hat es einen vollständigen crowding-out gegeben. Das heißt, dass das Geld mit dem der Staat seine Defizit finanziert hat, im gleichen Maß der Privatwirtschaft gefehlt hat. Mehr Verschuldung würde in so einer Situation nur bedeuten, den Zugang der Unternehmen zu Krediten noch weiter zu erschweren. Ich bin sogar der Meinung das sich Japans extrem lange Wirtschaftsschwäche (20 Jahre) nur dadurch erklären lässt, dass nichts anderes als Stimuli versucht wurde, anstatt die Banken wieder auf ein solides Fundament zu stellen. Japan hat Schulden in Höhe von 200% des Bips, wie in aller Welt hätte es Japan fertig bringen können noch mehr Schulden zu machen?

  5. Matthäus Piksa

    @Frank – Der Vgl. zu Amerika zeigt ja, dass die Steuern in Deutschland viel zu hoch sind.

    Naja Herr Robert Michel, das kann so nicht ganz stimmen, denn der japanische Staat musste sich nach dem Platzen der Immobilienblase nur deshalb verschulden, weil der Privatsektor als Investor und Konsument ausfiel. Insofern nahm er hier niemandem etwas weg, sondern versuchte zu retten was noch zu retten war.

    Die Zinsen in Japan sind schon seit sehr langer Zeit im Keller, ein Indiz dafür, dass, um es metaphorisch auszudrücken, das Pferd zwar an die Tränke geführt wurde, es aber nicht saufen will!

    Die Schulden Japans sind auf den ersten Blick wirklich erschreckend hoch, allerdings ist der prozentuale Anteil der Gläubiger, die aus dem eigenen Land kommen sehr hoch, im Vgl. zu den USA zB., zu dessen größten Gläubiger China gehört. Das bedeutet, dass Japan sich das Geld bei seiner eigenen Bevölkerung leiht, um es dann selbst zu investieren, absurd. Scheinbar ist die Verunsicherung bzgl. der eigenen und der Zukunft des Landes zu groß, so dass die Japaner ihr Geld nicht in Aktien investieren wollen.

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