20 Prozent sind an der Börse möglich


New York, 29. August 2012

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Warren Buffett wird zu Recht von vielen Menschen angehimmelt. Nicht nur wegen seiner Performance von 20 Prozent im langjährigen Schnitt, sondern auch wegen seiner ethisch mustergültigen Arbeitsweise. Von ihm sollten viele Manager lernen. Leider tun es die wenigsten, wenn ich mir allein die unanständigen Gehälter anschaue. Milliardär Buffett macht sich im amerikanischen Wahlkampf sogar dafür stark, den Reichen höhere Steuen abzuknöpfen. Außerdem hat er die Superreichen dazu aufgerufen, mindestens die Hälfte ihres Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden. Etliche Milliardäre haben sich dem Versprechen Buffetts, einen Gutteil des Vermögens spenden zu wollen, angeschlossen.
In der Investmentwelt haben Tausende Buffetts Anlagestrategie nachempfunden. Es zeigt sich, dass Value Investing nach dem Erfolgsrezept von Buffett bei anderen Firmen durchaus funktioniert.
Wer vor drei Jahrzehnten die Aktie von Leucadia National, der New Yorker Beteiligungsgesellschaft, gekauft hat, kann sich über einen jährliche Kursanstieg von rund 20 Prozent freuen (einschließlich der Dividende). Das ist nicht von schlechten Eltern. Ich schrieb vorige Woche über Leucadia für die „Euro am Sonntag“.
Lesen Sie mal den Brief des Leucadia-Chairman an seine Aktionäre. Das Werk ist wie die lockeren alljährlichen Briefe Buffetts an seine Anhänger geschrieben. Da wird farbenfroh erzählt, kritisiert, informiert. Der Geschäftsbericht liest sich fast so, als ob Sie ein lockeres Gespräch mit einem Freund führen würden. Wie bei Buffett finden Sie bei Leucadia die langfristige Entwicklung des Eigenkapitals aufgeschlüsselt: Seit 1978 bauten die New Yorker ihren Buchwert im Schnitt um fast 20 Prozent aus. Eben wie beim großen Vorbild aus Omaha in Nebraska. Das ist einfach beeindruckend!
Nun schauen Sie sich den Chart des Finanzdienstleisters Markel an. Wahnsinn, oder? Der Vorstand dieser Versicherung aus Virginia hat Warren Buffett als sein großes Vorbild. Es wird daher nach strikten Value-Gesichtspunkten investiert und lange an den Aktienpaketen (Walt Disney, WalMart, CarMax usw.) festgehalten. Ich besuchte schon Meetings mit dem Markel-Chef-Investor Tom Gayner. Ich sage Ihnen: Hier entsteht das nächste Berkshire-Imperium und kaum jemand merkt das. Markel investiert wie Buffett den Float, sprich die zufließenden Versicherungsprämien, clever an der Börse.
Das Problem der Masse der Anleger ist: Sie haben einfach keine Geduld. Selbst exzellent geführte Unternehmen haben mal ein paar lausige Jahre durchzustehen. Das erlebt praktisch jedes Unternehmen hin und wieder. Kein Kurs steigt kerzengerade nur nach oben. Das ist ein Wunschdenken, eine Phantasiewelt vieler Anleger. Wer konstante Kurssteigerungen an der Börse erwartet, wird auf die Nase fallen.
Der Milliarden-Betrüger Bernie Madoff hat einen solchen Unsinn seinen Kunden aufgetischt. Madoff versprach ihnen, das Geld kontinuierlich um ein Prozent pro Monat zu steigern. Auf den ersten Blick mag das gewiss kein unsinniges Versprechen gewesen sein, denn das ergibt pro Jahr zwölf Prozent Rendite und ist verglichen mit der Performance von Buffett (20 Prozent) deutlich weniger.
Nur ist diese extreme Stetigkeit nicht möglich. In der Natur kommt es jedenfalls nicht vor. Ein Baum oder eine Koralle wächst unstetig – das Wachstum hängt von vielen Faktoren ab: dem Regen, der Sonne, der Nahrung, der Wasserqualität, Temperatur etc. Auf meinem Foto sehen Sie einen interessanten Baum ohne Rinde, den ich in Texas entdeckt habe. Madoff „glückte“ mit seiner Ein-Prozent-Lüge der größte Betrug der Menschheit. 65 Milliarden Dollar ergaunerte er. Der Schwindler hatte sein Schneeballsystem schlicht auf einem Wunschtraum nach Stetigkeit aufgebaut.
Merken Sie sich: Es kann vorkommen, dass bei einem tollen Unternehmen der Kurs um 20 oder 30 Prozent einbricht. Das ist völlig normal. Das passiert auch mal bei Berkshire Hathaway. Im schlimmsten Fall müssen Sie mit einem Einbruch von 50 Prozent rechnen, wie uns die jüngste Weltwirtschaftskrise gezeigt hat. Dafür folgt auf eine schwierige Kursentwicklung eine lange Erholungsrallye. Börsianer steigen jedoch oftmals vorher aus – dummerweise in der kritischen Phase. Das ist der entscheidende Fehler. Glauben Sie mir, ich mache auch jede Menge dumme Fehler.
Ich erkläre Ihnen jetzt etwas Erstaunliches: Wenn Sie im Jahr 2007 gewusst hätten, dass der Markt um 50 Prozent einbricht und all Ihre Aktien rechtzeitig vor dem Crash verkauft und abgewartet hätten, bis sich der Markt beruhigt, dann würden Sie vermutlich jetzt wieder einsteigen. Was hätten Sie trotz Ihrer Weitsicht verdient? Nichts! Rein gar nichts! Denn die Börse ist wieder dort, wo sie zuletzt 2007 ihr Hoch markiert hatte. Diese ganze Aktivität bringt einfach nix.
Nehmen Sie nun Raven Industries. Das ist ebenfalls eine Aktie mit einer außergewöhnlichen Performance auf lange Sicht. Mehr als 20 Prozent zieht der Kurs einschließlich Dividenden seit Jahrzehnten ab. Über dieses Konglomerat, das als Ballon-Spezialist vor 56 Jahren startete, schrieb ich im Juli.
Der Mischkonzern Danaher ist ein weiteres Beispiel dafür, dass man sich nicht unbedingt an Buffetts Aktie dranhängen muss. Was ich damit ausdrücken möchte: Das Beteiligungsgeschäft funktioniert auch unter anderen Dächern, wenn man es richtig macht. Die Danaher-Aktie klettert, wie die anderen Vorzeigefirmen, um 20 Prozent pro Jahr. Was können Sie sich als Anleger eigentlich mehr wünschen?
Bei den genannten Aktien ist natürlich folgendes zu beachten: Die Performance in der Vergangenheit ist keine Garantie für die Performance in der Zukunft. Ich glaube jedoch, es spricht viel für eine Fortsetzung dieser außergewöhnlichen Erfolgsserie.
Keine der hier erwähnten Papiere befinden sich in meinem eigenen Depot. Ich möchte Ihnen in meinem Blog keine einzelnen Aktien ans Herz legen, sondern lediglich über Strategien und Ideen rund um das Value Investing schreiben. Und ich will Ihnen hier in diesem Blog nichts verkaufen oder durch die Hintertüre andrehen.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „20 Prozent sind an der Börse möglich

  1. Frank

    Hallo,
    Leucadia hat sich seit 1982 knapp verdoppelt und ist 2008 extrem abgestürzt.Klingt nicht so prickelnd.
    Frank

  2. Frank

    Hallo Tim,
    2008 von 55 auf 10 $, 2011 von 30 auf 20 $ ist sehr volatil. Lt. Onvista keine Dividende.
    Da gefällt mir Raven besser, da der Einstiegszeitpunkt bei Leucadia sehr genau getroffen werden muß. ( aktuell könnte sich ein Einstieg aber lohnen)
    Frank

  3. tim schaefertim schaefer

    Frank,

    fairerweise muss man hierbei berücksichtigen, dass in dieser Zeit eine Weltwirtschaftskrise und schwerste Finanzpanik seit der Großen Depression wütete.

    Der Dow Jones fiel in dieser Zeit um 50%. Leucadia verlor in der Tat mehr, hat aber trotzdem seit 1982 um gut 20% p.a. zugelegt.

    Es gibt nur wenige Aktien in den USA, die derart stark voran kamen. Wenn Onvista keine Dividende anzeigt, ist das ein Fehler.

  4. Reinhard

    Hallo,

    das Problem ist nicht so sehr einzelne Aktien in seinem Depot zu haben, die 20 % p.a. auch über einen längeren Zeitraum hinweg zulegen. Das Problem besteht darin, eine langjährige, zweistellige Rendite mit seinem Gesamtvermögen zu erzielen. Zu den Highlights gesellen sich leider auch immer Aktien, die sich als Rohrkrepierer erweisen und die die Gesamtperformance runieren.
    Die Bankwerte gehörten in den letzten Jahren dazu, natürlich Nokia, neuerdings auch Telefonica. Als ich sie gekauft habe, waren das Leuchttürme, inzwischen wohl eher Glühwürmchen.

    Reinhard

  5. tim schaefertim schaefer

    @ Reinhard

    Wie wahr. Ich habe auch so ein paar Glühwürmchen im Depot. Ich bezeichne diese Papierchen aber als „Drachen-Knochen“.

    Buffett macht übrigens auch Fehler. Ca. 20% seiner Picks sind nicht sonderlich toll. Das gibt er zu. Es genügt, wenn wir 80% starke Titel wählen. Fehlgriffe sind erlaubt.

    Selbst mit einer Gesamt-Performance von 10% bin ich sehr zufrieden. Die 20% müssen es gar nicht sein.

  6. Musti

    Hallo Tim,

    interessante Info über Markel.
    Wo sind die Beteiligungen von Markel einzusehen? Auf der Homepage ist nichts hinterlegt.
    Sind ja auch Großaktionär bei Berkshire.

    Gruss

  7. Anna

    Reinhard,
    mein Mitgefühl. Wie heißt es so schön: Never sell Dell. Dell ist meine größte Enttäuschung. Als ich Dell gekauft habe, da waren die wer!
    Die anderen „Kröten“ im Depot werden wir wohl schlucken müssen.

    VG
    Anna

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