11. Finger weg von Wertpapierkrediten


New York, 9. Mai 2013

Heute folgt mein elfter Anlagetipp: Verzichten Sie auf Wertpapierkredite. Die Börse läuft wie geschmiert. Das billige Geld der Zentralbanken, das gemeinhin als Gelddruckerei bezeichnet wird, treibt die Kurse an. Jetzt stürmte der Dow-Jones-Index auf einen Rekordstand von 15.000 Punkten. Wer hätte das vor vier Jahren gedacht, als die Wall Street in Trümmern lag? Als die Kurse bebten, Großbanken pleite gingen, die Arbeitslosenzahlen explodierten.
Ich sehe keinerlei Börsenblase – zumindest bislang. Aber die Bewertungen werden teurer. Insofern ist es wichtig auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben und nicht die Risiken im Depot zu erhöhen. Es kann nämlich wieder abwärts gehen.
Behalten Sie Ihre Emotionen im Griff. Werden Sie nicht übermütig. Manch einer fühlt sich dank des Höhenflugs wie im Himmel. So wie diese Arbeiter, die in den 1930er Jahren in New York ihr Frühstück auf einem Stahlträger zu sich nehmen. Ohne Helm und ohne Gurt.
In den USA ist zu beobachten, dass Depotinhaber jetzt Wertpapierkredite in größerem Umfang aufnehmen. Ich rate davon ab. Lieber solide, sicher, langsam investieren. Niemals auf Pump. Ein Crash kann rein theoretisch jederzeit kommen. Ruhe und Gelassenheit zahlen sich an der Börse für Privatanleger aus. Hektik wird bestraft.
Grundsätzlich gilt: Blasen bilden sich mitunter durch Kredite. Steigende Kurse ziehen mehr und mehr Menschen an. Sie verhalten sich zunehmend irrational, werden euphorisch, verschulden sich. Am Ende springen die zögerlichsten Anleger auf den fahrenden Zug auf, kurz bevor es zum Absturz kommt.
Wie gesagt, ich bin grundsätzlich zuversichtlich für den Aktienmarkt. Der Dow Jones wird eines Tages die Marke von 30.000 Zählern knacken. Irgendwann wird die Schwelle von 100.000 fallen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Im langen Schnitt steigt die Börse um ca. zehn Prozent jährlich. Vergessen Sie nicht, dass der Index bei 66 Punkten vor einem Jahrhundert stand. Anschließend überwand er 100, dann 1000, schließlich die Hürde von 10.000.
In Deutschland profitiert übrigens nur ein ganz kleiner Teil der Bevölkerung vom Börsenboom. Die Deutschen leben wie in der Steinzeit. Sie lieben ihre Häuser, Lebensversicherungen und Sparbücher. Von Aktien will kaum jemand etwas wissen, obgleich es sich um eine der besten Assetklassen überhaupt handelt.


tim schaefer (Author)

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Gedanken zu „11. Finger weg von Wertpapierkrediten

  1. Marc

    Niemals 10% pro Jahr. Dann müßten wir jetzt bei 900.000Punkten stehen.

  2. Robert Michel

    Das ist der Unterschied zwischen dem geometrischen und arithmetischen Mittel. Wenn die Aktien im arithmetischen Mittel 10% Rendite geben, geben sie weniger als geometrisches Mittel.
    Wenn eine Aktie 10% und im nächsten Jahr 10% fällt, beträgt das arithmetische Mittel 0%, aber das geometrische -0,5%. Das geometrische Mittel gibt an, um wieviel Prozent eine Anlage steigen muss, damit aus einem bestimmter Anfangsbetrag ein bestimmter Endbetrag wird und berücksichtigt dabei auch Schwankungen. Im arithmetischen Mittel werden Schwenkungen nicht berücksichtigt, daher ist das geometrische Mittel aussagekräftiger. Je geringer die Schwankungen desto näher liegt das geometrische Mittel am arithmetischen Mittel.

  3. Turing

    Eine der besten Assetklassen? Ich glaube, mich verhört zu haben. Es ist die beste Assetklasse. Als Aktionär ist Teilhaber an einem Unternehmen. Unternehmen sind der Quell unseres Wohlstands, weil dort Menschen arbeiten und was produktives machen. Und eine Teilhabe daran bringt die meisten Chancen. Anleihen beispielsweise sind schwächer. Natürlich leistet man bei einer Unternehmensanleihe ebenso, dass es etwas produktives geschieht, bei einer Staatsanleihe aber überhaupt nicht. Der Staat kloppt das Geld häufig genug für Unsinn raus. Der Staat kann mir 5 % Zins bietet und ich würde es nicht annehmen. Natürlich macht der Staat auch vernünftige Sachen und fände ich nicht schlecht, wenn der Staat für große Infrastrukturprojekte extra Anleihen auflegt. Dann könnte man sich aussuchen, was mit dem Geld geschieht.

    Besser als Aktie ist vielleicht selbst Unternehmer zu sein, aber nicht jeder hat das Zeug dazu und kann seine Talente dafür nutzen. Oft fehlt die springende Idee. Ein eigenes Unternehmen zu gründen, ist auch riskant. Bei Aktien ist das Risiko viel geringer. Ich kann Aktien kaufen, ohne mich verschulden zu müssen und ich kann weiterhin meiner Arbeit als Angestellter nachgehen.

  4. Turing

    Wenn ich mir den Chart anschaue und sehe, dass der Dow Jones 1920 bei ca. 100 stand und achtzig Jahre später bei 10000, dann reden wir über eine Verhundertfachung in 80 Jahren. Die achtzigste Wurzel aus 100 ergibt bei 1,059, also knapp 6 % Wachstum.

  5. finanziell umdenken

    Hallo,

    ich hatte die Rendite am Aktienmarkt pro Jahr vor einiger Zeit einmal ausgerechnet.

    Betrachteter Zeitraum 20 Jahre:

    -Jährlicher Kursanstieg pro Jahr 5,3%
    -Jährliche Rendite inklusive Dividenden: über 8%

    Viele Grüße
    Lars

  6. finanziell umdenken

    Einen Wertpapier-Kredit in dieser Zeit würde ich ebenfalls nicht nutzen.

    Der einzige Zeitraum, in dem man darüber nachdenken könnte mit einem Wertpapier-Kredit in Aktien zu investieren, wäre nach einem großen Crash. Falls breite Aktienindizes um rund 50% nachgeben, ist die Zeit gekommen, in der Aktien sehr günstig zu erwerben sind.
    2003 oder zum Jahreswechsel 2008/2009 waren solche Zeitpunkte.

    Sorry für das Doppel-Posting.

  7. Christian

    Ich kann dem letzten Beitrag hier nur recht geben; Wertpapierkredite sind im Prinzip nichts schlechtes!

    Folgende Tips dazu:

    – Einsatz nur in absoluten Schwächephasen der Börse (= ideale Kaufzeitpunkte für Langfristinvestoren)!

    – Wertpapierkredite nur bis maximal 2/3 des Beleihungswerts und NIE vollständig ausschöpfen, denn tiefer gehen kann es immer!

    – Boomphasen zur Rückführung des Kredits nutzen, dabei vor allem zusätzliche Geldtransfers auf das Kreditkonto vornehmen!

    BESSERE ALTERNATIVEN (da hier die Zinsen vorher festliegen und nicht veränderlich sind!):

    – Nutzung eines Ratenkredits

    – Aufnahme einer Hypothek

    Ich habe in der Baisse des Jahres 2008 massiv Kreditengagements aufgenommen, um das Geld in Langfristanlagen (ETFs und Einzelaktien) zu stecken; gerade da hätte es sich wirklich gelohnt, auch und gerade wegen der Abgeltungssteuerfreiheit dieser Anlagen!

    Wie immer abschließend mein Lob an Tim für seinen wirklich informativen Blog.

    Bis bald,

    Christian

  8. Martin

    Wer sowieso den Markt timen kann, wie scheinbar einige hier, braucht auch keinen Kredit. Da machen Sie ja sowieso 30%-50% p.a. Am besten erkennen Sie auch Hochphasen und gehen short. Gleichzeitig wird dann in anderen Märkten wie in Afrika ein Tief erkannt und durch die Shorts in anderen Märkten wird dort gehebelt investiert.
    Wer's glaubt…

  9. tim schaefertim schaefer

    @ Martin

    Stimmt. Im Rückblick klingt alles logisch. Niemand weiss aber, wie sich die Kurse entwickeln. Ein Jahrzehnt der Stagnation – das kann passieren. Japan stagniert seit 2 Jahrzehnten. Und dann hat jemand einen Wertpapierkredit aufgenommen, um Aktien zu kaufen…

  10. Christian

    @ Martin & Tim,

    Von Markttiming hatte ich eigentlich nichts geschrieben, so z. B. hat mich der große Rückschlag des Jahres 2011 doch relativ kalt erwischt und meine Ratschläge zeigen ja auch klar, dass Wertpapierkredite kein Allheilmittel sind ABER
    Warum sollte man in einer absoluten Schwächephase des Marktes keinen Ratenkredit oder eine Hypothek aufnehmen und sich damit marktbreite Fonds und Qualitätsaktien ins Depot legen (Erst recht wenn massive steuerliche Nachteile drohen?! – Rein `markttechnisch´ hätte es Anfang 2009 noch günstigere Einstiegskurse gegebenen …).
    Den Kredit oder die Hypothek bestreite ich aus meinem laufenden Einkommen und dann kann es mir egal sein, wohin sich die Kurse entwickeln …

    Und zum Beispiel Japan – Diversifizieren sollte man natürlich immer, nie alles auf eine Karte (ein Land, einen Fonds oder eine Aktie) setzen!

    Have a nice weekend,

    Christian

  11. Andreas

    Leider werden Kleinanleger in Deutschland und Österreich wohl erst wieder viel zu Spät in Aktien investieren und nur noch kurze Zeit Kursgewinne und dann wohl leider einen Crash miterleben müssen.

  12. Markus

    Für mich persönlich wäre eine Kredit zur Aktienanlage momentan nichts.

    Es kommt aber auch stark auf die eigene Situation an. Wenn man Einkommen aus mehreren Quellen bezieht, wovon manche nicht so stark konjunkturintensiv sind und man weitere Sicherheiten hat, kann derjenige sich darüber Gedanken machen.

    Aber nicht bei einem Allzeithoch von bestimmten Märkten!!! 😉

  13. Martin

    @Christian:
    So offensichtlich war die Lage nicht. Ich konnte das Vorgehen der Zentralbanken nicht vorhersehen. Da hat die FED Sie wohl rausgehauen. Das Risiko einer Deflation war vorhanden.
    Also hatte ich auch noch teilweise auf Anleihen gesetzt. Zudem wäre der Kredit damals auch teurer als heute und ein variabler Zins sehr riskant. Wenn man damals einen festen Zins für 10Jahre festgemacht hätte, muss man das Geld auch ersteinmal verdienen. Die Zinsen kann man als Privatperson nicht von der Steuer abziehen und die Gewinne sind zu versteuern. Ich halte z.B. 130% des Vermögens in Aktien bei einem Deflationsrisiko für abenteuerlich.

  14. Michael C. Kissig

    Moin Tim,

    Deine grundsätzlich ablehnende Meinung zu Wertpapierkrediten teile ich so nicht. Zwar sollte man Wertpapiere nicht dauerhaft auf Pump kaufen, da stimme ich Dir zu. Allerdings ist ein Wertpapierkredit dann sinnvoll, wenn man ihn nicht dauerhaft einsetzt, sondern ihn ausschließlich als zusätzliche Liquidität für Einstiegszeiten betrachtet, denn langfristig bringt Liquidität die Rendite! Er verursacht keine Kosten, solange er nicht in Anspruch genommen wird, und kann helfen, bei günstigen Einstiegsgelegenheiten besonders üppig zuzugreifen. Wenn also die Börse in übertriebenem Ausmaß abstürzt, wie das in 2008 und wieder in 2011 der Fall war, dann bieten sich hier die idealen Kaufgelegenheiten für Langfristanleger, weil es Aktien hervorragender Unternehmen zu Ausverkaufskursen gibt. In diesen Phasen muss man liquide sein, muss seine Cashkonten nutzen, um zuschlagen zu können. Denn die Erholung nach solchen Abstürzen erfolgt meist schnell und stark. Und in solchen Phasen kann man auch auf einen Wertpapierkredit zurückgreifen – allerdings sollte man diesen dann wieder sukzessive abbauen (z.B. durch eingenommene Dividendenausschüttungen), um aus der kurzfristigen Inanspruchnahme keine Dauerkreditfinanzierung werden zu lassen

  15. tim schaefertim schaefer

    @ Michael

    Da bin ich anderer Meinung. Wir wissen nur im Nachhinein, dass das eine gute Chance damals war. Die Börse hätte auf dem tiefen Niveau von 2008 auch 5 Jahre verharren können. In Japan stagniert der Markt seit 22 Jahren.

    Im Schnitt steigen Aktien um knapp 10%. Wertpapierkredite können zwischen 6 und 8% kosten. Insofern ist die Marge dünn, das Risiko hoch.

    In den USA gibt es viele Insider (Unternehmensgründer, Vorstände, Hedgefondsmanager etc.) die ihr Depot beliehen haben und deswegen in Not gerieten.

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